Mozarts Requiem – eine Textcollage
I.
Da der Tod, genau zu nehmen, der wahre Endzweck unseres Lebens ist, so habe ich mich seit ein paar Jahren mit diesem wahren, besten Freunde des Menschen so bekannt gemacht, dass sein Bild nicht alleine nichts Schreckendes mehr für mich hat, sondern recht viel Beruhigendes und Tröstendes. Und ich danke Gott, dass er mir das Glück gegönnt, hat, mir die Gelegenheit – Sie verstehen mich – zu verschaffen, ihn als den Schlüssel zu unserer wahren Glückseligkeit kennen zu lernen.
Ich lege mich nie zu Bette, ohne zu bedenken, dass ich vielleicht, so jung als ich bin, den anderen Tag nicht mehr sein werde, und es wird doch kein Mensch von allen, die mich kennen, sagen können, dass ich im Umgange mürrisch oder traurig wäre. Und für diese Glückseligkeit danke ich alle Tage meinem Schöpfer und wünsche sie von Herzen jedem unserer Mitmenschen.
Mozart an seinen Vater, 4. April 1787
II.
Die Fakten: im Juli 1791 erhielt Mozart anonym den Auftrag, ein Requiem zu komponieren. Die Arbeit daran musste zunächst warten: für Prag schrieb er Titus und reiste zur Uraufführung dorthin, zudem komponierte er die Zauberflöte. Während sich seine äußere Lage, die in den letzten Lebensjahren immer verzweifelter geworden war, durch den Erfolg dieser Oper und auswärtige Angebote zu bessern begann, durchlebte Mozart seelisch und körperlich qualvolle Monate. Fieberhaft arbeitete er am Requiem, auch noch, nachdem ihn die Todeskrankheit seit dem 20. November 1791 ans Bett fesselte. Als er am 5. Dezember um 5 Minuten vor 1 Uhr nachts starb, war das Werk unvollendet. Es wurde von seinem Schüler Franz Xaver Süßmayer (1766-1803) nach seinen Angaben komplettiert und dem Auftraggeber übergeben, wobei seine Witwe planvoll eine authentische Überlieferung zur letzten Lebenszeit und der Entstehung des Requiems vereitelte. Auch wenn immerhin das Geheimnis um den anonymen Auftraggeber, der Mozarts Phantasie als Bote des Todes erschien, gelüftet werden konnte – ein Dilettant, Graf Franz von Walsegg, brauchte eine Totenmesse für seine kürzlich verstorbene Frau und wollte sich selbst als Verfasser ausgeben - bleiben Legenden, offene Fragen. So wie niemand sein Grab kennt - weil es bereits Constanze nicht kannte - so weiß auch niemand, was von den zeitgenössischen Berichten, die alle auf sie zurückgehen, der Wahrheit entspricht. Und doch ergibt sich, nicht zuletzt durch die Erinnerungen ihrer jüngsten Schwester Sophie (um 1769-1846), in deren Armen Mozart starb, ein Bild.
III.
Bericht nach Angaben Constanze Mozarts in der ersten Biographie von Niemetschek, 1798:
Kurz vor der Krönung des Kaisers Leopold, und ehe Mozart den Auftrag, nach Prag zu reisen, erhielt, brachte ihm ein unbekannter Bote einen Brief ohne Unterschrift, der nebst mehren schmeichelhaften Äußerungen die Anfrage enthielt: ob Mozart die Composition eines Requiem übernehmen wolle… Mozart äußerte seinen Wunsch, sich in dieser Gattung auch einmal zu versuchen, um so mehr, da der höhere pathetische Styl der Kirchenmusik immer sein Lieblingsstudium war…. Mozart schrieb dem unbekannten Besteller zurück, dass er das Requiem für eine gewisse Belohnung verfertigen werde… Nach einiger Zeit erschien derselbe Bote wieder, brachte nicht nur die bedungene Belohung mit, sondern auch das Versprechen einer beträchtlichen Zulage bei Abgabe der Partitur… Doch solle er sich gar keine Mühe geben, den Besteller zu erfahren, indem es gewiß umsonst seyn würde…
Bey seiner Zurückkunft nach Wien nahm er sogleich seine Seelenmesse vor, und arbeitete mit viel Anstrengung und einem lebhaften Interesse daran: aber seine Unpässlichkeit nahm sichtbar zu, und stimmte ihn zur düstern Schwermuth. Seine Gattin nahm es mit Betrübniß wahr. Als sie eines Tages mit ihm in den Prater fuhr, um ihm Zerstreuung und Aufmunterung zu verschaffen, und sie da beide einsam saßen, fing Mozart an vom Tode zu sprechen und behauptete, dass er das Requiem für sich setze. Thränen standen dem empfindsamen Manne in den Augen. „Ich fühle mich zu sehr“, sagte er weiter, „mit mir dauert es nicht mehr lange: gewiß, man hat mir Gift gegeben! Ich kann mich von diesem Gedanken nicht loswinden.
In seiner Echtheit umstrittener Brief Mozarts an Lorenzo Da Ponte, den Librettisten von Figaros Hochzeit, Don Giovanni und Cosi fan tutte; Wien, September 1791; mitgeteilt in den Erinnerungen Da Pontes:
Wohlgeneigtester Herr,
ich möchte Ihrem Rat [der Dichter plante, für immer nach London zu gehen und hätte Mozart gern mit sich gezogen] folgen, doch wie ihn durchführen? Ich bin ganz verstört und kann mich von der Vorstellung dieses Unbekannten nicht lösen. Ich sehe ihn fortwährend, er bittet mich, beschwört mich und hält mich ungeduldig zur Arbeit an. Ich fahre fort, weil das Komponieren mich weniger ermüdet als das Ausruhen. Übrigens habe ich nichts mehr zu fürchten. Ich fühle an meinem Zustand, dass die Stunde schlägt; ich bin im Begriff, mein Leben auszuhauchen; ich bin damit zu Ende, bevor ich mich meines Talentes habe freuen können. Und doch war das Leben so schön, die Laufbahn begann unter so glücklichen Vorzeichen, aber man kann ja sein eigenes Schicksal nicht ändern. Keiner ermisst die Dauer der eigenen Tage, man muß sich fügen, geschehen wird, was der Vorsehung gefällt. Ich schließe, da liegt mein Grabgesang, ich darf ihn nicht unvollendet lassen.
Constanze in einem Brief an Abbé Maximilian Stadler, 1827:
„Nun kann ich nicht anders, als Sie… mit der wahren Geschichte des Requiem bekannt zu machen, die darin besteht: dass Mozart mir oft sagte, dass er diese Arbeit (nämlich die von Anonymus bestellte) mit größtem Vergnügen unternehme,… „wenn ich nur noch so lange am Leben bleibe; denn dies muss mein Meisterwerk und mein Schwanengesang sein“. Und er war auch sehr fleißig damit; als er sich schwach fühlte, musste Süßmayr oft mit ihm und mir, das was geschrieben war, durchsingen, und so bekam Süßmayr förmlichen Unterricht von Mozart. Und ich höre noch Mozart, wie er oft zu Süßmayr sagte: „Ey – da stehen die Ochsen wieder am Berge; das verstehst Du noch lange nicht;“ nahm die Feder und schrieb vermuthlich Hauptstellen, die dem Süßmayr zu rund waren.
Tagebucheintragung von Vincent und Mary Novello, 1829:
Ein paar Tage vor seinem Tode sang er mit Madame Mozart und Süßmayr das Requiem. Einige Sätze bewegten ihn zu Tränen*. Er schrieb das Recordare und die Prinzipalstimmen zuerst und sagte: Wenn ich das Werk nicht vollende, dann sind diese die wichtigsten Stellen.“ Als sie geendet hatten, rief er Süßmayr zu sich und wünschte, dass die Fuge, die er am Anfang geschrieben hatte, wiederholt werden möge und zeigte ihm, wo und wie die anderen Stimmen eingefügt werden sollten, falls er stürbe ehe die Arbeit vollendet war...
* Nach einem anderen Bericht sang Mozart selbst noch zwei Tage vor seinem Tod mit Freunden - Benedikt Schack, dem ersten Tamino, seinem Schwager, dem Geiger Franz Hofer, und Franz Xaver Gerl, dem ersten Sarastro - Teile des Requiems, bis er weinend abbrechen musste.
Anton Herzog, Wien 1839:
...der Tod überraschte Mozart in der Mitte dieser ruhmvollen Arbeit. Nun war guter Rath theuer. Wer sollte sich herbeylassen einem Mozart nachzuarbeiten? Und doch musste das Werk vollendet werden; denn die Witwe Mozart, die sich wirklich, wie bekannt ist, nicht in den besten Umständen befand, hatte den Betrag von hundert Dukaten dafür zu empfangen. Ob Vorauszahlungen geschehen waren, ist uns nicht genau bekannt worden, obschon Gründe dafür sprechen. Endlich ließ sich Süßmayr herbei, das angefangene große Werk zu vollenden, und bekennt in den Briefen an die Musikhandlung in Leipzig, dass er noch bey Lebzeiten Mozarts, die schon in Musik gesetzten Stücke, nämlich das Requiem, Kyrie, Dies irae, Domine u.s.w. öfters mit ihm durchgespielt und gesungen, daß er sich mit ihm über die Ausarbeitung dieses Werkes sehr oft besprochen und ihm den Gang und die Gründe der Instrumentierung mitgetheilt hat.
Erinnerungen der Sophie Haibel; mitgeteilt in einem Brief an Constanzes zweiten Ehemann, den Mozart-Biographen Georg Nicolaus Nissen, 7. April 1825:
Ach Gott, wie erschrak ich nicht, als mir meine halb verzweifelnde, und doch sich moderieren wollende Schwester entgegenkam und sagte: „Gottlob, dass Du da bist! Heute Nacht ist er so schlecht gewesen, dass ich schon dachte, er erlebt diesen Tag nicht mehr. Bleibe doch heute nur bei mir; denn wenn er heute wieder so wird, so stirbt er auch diese Nacht. Gehe doch ein wenig zu ihm, was er macht!“ Ich suchte mich zu fassen und ging an sein Bett, wo er mir gleich zurief: „Ach gut liebe Sophie, dass Sie da sind, Sie müssen heute Nacht da bleiben, Sie müssen mich sterben sehen“. Ich suchte mich stark zu machen, und ihm es auszureden, allein er erwiderte mir auf alles: „Ich habe ja schon den Totengeschmack auf der Zunge, und wer wird denn meiner liebsten Constanze beistehen, wenn Sie nicht hier bleiben.“ – „Ja Lieber M: ich muss noch zu unserer Mutter gehen, und ihr sagen, dass Sie mich heute gern bei sich hätten, sonst gedenkt sie, es sei ein Unglück geschehen.“ – „Ja das tun Sie, aber kommen Sie ja bald wieder.“ Gott wie war mir da zumute, die arme Schwester ging mir nach und bat mich um Gottes willen zu denen Geistlichen bei St. Peter zu gehen und Geistlichen zu bitten, er möchte kommen so wie von Ungefähr, dies tat ich auch- Allein Selbe weigerten sich lange, und ich hatte viele Mühe, einen solchen geistlichen Unmenschen dazu zu bewegen…
…ich lief wieder, was ich konnte, zu meiner trostlosen Schwester. Da war Süßmayer bei M. am Bette; dann lag auf der Decke das bekannte Requiem, und M. explicirte ihm, wie seine Meinung sei, dass er es nach seinem Tode vollenden sollte… Closset der Doktor wurde lange gesucht, auch im Theater gefunden, allein er musste das Ende der Pièce abwarten – dann kam er und verordnete ihm noch kalte Umschläge über seinen glühenden Kopf, welche ihn auch so erschütterten, dass er nicht mehr zu sich kam, bis er nicht verschieden. Sein Letztes war noch, wie er mit dem Munde die Pauken in seinem Requiem ausdrücken wollte, das höre ich noch jetzt.
IV.
Ein Gedanke an Mozart: Kann man das Unbegreifliche mit Worten berühren? Muss nicht alles Reden verstummen vor diesem höchsten und erhabenen Klang, der ein Etwas hat, das sich in dem Maße verflüchtigt und zurückzieht, wie man glaubt, sich ihm zu nähern?
Da gibt es nichts zu deuten, nichts zu erklären, und es scheint selbst schwierig, überhaupt zu beschreiben, worin dieser einfachste und anspruchsvollste Charme besteht, der die Welt nun schon seit zwei Jahrhunderten verzaubert.
Der herabgestiegene Gott. Apollo. Hier ist die Reinheit, das Geglückte. Hier ist die reine Begeisterung des Geistes, die Überwindung der Schwerkraft, nichts Revolutionäres: alles Vorhandene wurde mit leichter Hand entfremdet und erhöht. In seinem zeitlich so begrenzten Aufenthalt auf dieser Erde hat er die steifen zerebralen Mechanismen, die Sprachmittel seiner Epoche bis zum Zerbrechen gespannt und ihrem Ende nah gebracht, mit den feinsten, herbsten, tiefsten und höchsten Klängen, die ein menschliches Ohr vernommen hat, dem Leichtesten und Schwermütigsten – mit dem schweren, nachtstückehaften, süßen Wohllaut der Bläsersätze, mit unendlich feinem Muskelspiel der Streicher, den vollkommensten Vokalensembles, mit hellen triumphierenden Trompeten und Pauken.
Was triumphiert? Das Leben über den Tod? Der Tod über das Leben? Es ist der antike Triumph der Schönheit über das Unzulängliche, da das Unerreichbare erreichbar wurde, Vollkommenheit sich über das Leben erhebt mit dem Flügelschlag des apollinischen Todes.
Hans Werner Henze, Musik und Politik, 1976
Zusammen gestellt von : Claudia Valder-Knechtges